Introvertiert oder Extravertiert? Warum du wissen solltest, was du bist!

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Introvertiert oder extravertiert? Warum du wissen solltest, was du bist.

Introversion und Extraversion bezeichnen zwei grundlegende psychologische Orientierungen, die beschreiben, ob sich die Aufmerksamkeit und psychische Energie eines Menschen überwiegend nach innen oder nach außen richtet (Jung, 1921).

Die Begriffe Introversion und Extraversion werden heute häufig alltagssprachlich verwendet, dabei jedoch oft verkürzt oder missverstanden. In der psychologischen Theorie gehen sie auf den Schweizer Psychiater und Begründer der Analytischen Psychologie Carl Gustav Jung zurück, der sie nicht als Charaktereigenschaften im moralischen Sinn verstand, sondern als unterschiedliche Grundhaltungen der Persönlichkeit.

Woher kommt die Energie bei Introvertierten?

Der Großteil der hochsensiblen Menschen - ca. 70 % - ist eher introvertiert. Das bedeutet, dass sie ihre Batterien dann aufladen, wenn sie genügend Zeit in einem „Klima“ verbringen, welches der Neigung „Introversion“ entspricht. Die nachstehenden Merkmale beschreiben Introvertierte:

  • sie haben generell ein größeres Verlangen nach Distanz
  • sie gehen eher Einzelbetätigungen nach
  • sie bevorzugen es in Ruhe und Stille zu arbeiten
  • sie neigen zu Aktivitäten, die wenig oder nur in geringem Ausmaß mit anderen Menschen zu tun haben
  • sie erarbeiten Themen intensiv und denken gerne in die Tiefe
  • sie haben ein starkes Interesse an inneren Reaktionen
  • sie bevorzugen das Alleinsein zum Schöpfen neuer Energien
  • sie lesen viel und verlieren sich gerne und ausgiebig in ihren eigenen Gedanken und Theorien
  • sie benötigen mehr Zeit über mögliche Lösungen nachzudenken (auch weil die Vorstellungskraft verhältnismäßig viele zulässt)

Viele Introvertierte erleben ein starkes Gefühl der Isolation und der Einsamkeit, wenn sie von Menschenmengen umgeben sind, besonders unter fremden Menschen. Sie fühlen sich in großen Gruppen unwohl und bevorzugen ihre Zeit lieber mit einem oder zwei guten Freunden zu verbringen.

Sie fühlen sich in ihrer eigenen inneren Welt besser und ziehen Kraft daraus. Introvertierte sind eher vorsichtig, zurückhaltend, beobachtend und reflektierend.

Wie ist das bei den Extravertierten?

In der Allgemeinbevölkerung sind ca. 75 % extravertiert. Unter den hochsensiblen Menschen, die ungefähr 15-20 % der Weltbevölkerung ausmachen, ist der Anteil der eher Extravertierten laut Dr. Elaine Aron ca. 30 %.

Extravertierte haben ein starkes Bedürfnis nach Geselligkeit und bekommen ihre Energie, ihre Motivation und ihre Kraft im Austausch mit anderen Menschen. Im Gegensatz zu Introvertierten fühlen sie sich einsam, wenn sie nicht mit Menschen in Kontakt sind. Sie füllen ihren Tank auf einer lebhaften Party, in einer regen Diskussion und benötigen die Interaktion mit anderen und die Vielfalt an Beziehungen.

  • Sie haben ein großes Verlangen nach Gesellschaft
  • Sie interagieren gerne mit vielen Menschen
  • Sie arbeiten gerne in Teams im persönlichen Kontakt
  • Sie suchen das Neue, Spannende und Aufregende
  • Sie ermüden oder werden unruhig, wenn sie zu lange alleine sind oder ihre Gedanken nicht mit jemand bereden können

Extravertierte lösen ihre Probleme, indem sie mit anderen darüber sprechen und den Gesprächspartner an ihrem Denkprozess teilhaben lassen. Im Gegensatz zu Introvertierten, die ihre Probleme in Gedanken wieder und wieder durchgehen, und sehr selten mit anderen darüber sprechen.

Was unterscheidet Introversion und Extraversion?

In der modernen Forschung gelten Introvertierte tendenziell als Personen, die ihre Energie über Reflexion, Ruhe und innere Verarbeitung gewinnen, während Extravertierte eher durch soziale Aktivität und äußere Stimulation Energie tanken. Aus biologischer Perspektive zeigen neuropsychologische Befunde Unterschiede in Hirnaktivität und dopaminergen Mechanismen, die mit den Verhaltensmustern der beiden Pole korrelieren.

Wo Extravertierte die Energie im Austausch mit Menschen, dem Außen und der Interaktion bekommen, finden Introvertierte dies eher auslaugend und ermüdend.

Introvertierte können sich auf Feiern oder großen Anlässen zwar sehr lange bemühen und die Gelegenheit auch eine Zeit lang genießen, dennoch ist recht bald eine Grenze erreicht und sie würden sich lieber früher als später zurückziehen, um die Eindrücke zu verarbeiten.

Wenn wir das auf einen herkömmlichen Familienalltag mit viel Trubel, Chaos, Lärm und Terminen umlegen, ist es nur einleuchtend, dass eher introvertierte Eltern hier an Kraft verlieren und sich bewusst Räume schaffen müssen, um nicht völlig auszubrennen.

Introvertiert oder extravertiert? – Wie Kinder ticken

Viele Eltern merken schnell, dass manche Kinder lieber in Ruhe lesen, nachdenken oder alleine spielen, während andere Kinder Energie aus Spiel, Gesprächen und Aktivitäten mit anderen ziehen. Diese Unterschiede sind völlig normal und haben viel mit der Persönlichkeitsausrichtung zu tun, die Jung schon vor über 100 Jahren beschrieben hat.

Tatsächlich gibt es eine große Tendenz in Kindergarten, Schule und anderen Einrichtungen, die eher introvertierten Kinder auf „extravertiert“ zu trimmen. Sie sollen:

  • sich nicht zu sehr absondern,
  • keine Einzelgänger werden,
  • mehr in der Gruppe mitarbeiten,
  • beim Morgenkreis mitmachen und
  • es schön finden, Referate vor einer großen Klasse zu halten.

Gleichzeitig werden die eher extravertierten Kinder - und hier die psychomotorisch erhöhten unter ihnen -  in die pathologische Schiene geschoben. 

Diese werden:

  • wegen ihres erhöhten Mitteilungsbedürfnisses,
  • ihres erhöhten Bewegungsdrangs wegen,
  • ihrer wissbegierigen Neugier und 
  • ihrer Freude am Diskutieren öfter als man denkt als verhaltensauffällig bezeichnet. 

Doch in Summe ist ihr Verhalten zumindest außerschulisch gesellschaftlich akzeptabler.

Missverständnisse vermeiden

Manchmal werden introvertierte Kinder fälschlicherweise als schüchtern oder zurückhaltend bewertet, während extravertierte Kinder oft automatisch als kontaktfreudig oder dominant angesehen werden.

Beide Annahmen sind zu kurz gedacht. Introversion und Extraversion sagen zunächst nur aus, wie ein Kind Energie aufnimmt und verarbeitet, nicht, wie liebenswürdig, klug oder erfolgreich es ist.

Warum es Eltern hilft, diese Unterschiede zu kennen

Wenn Eltern verstehen, ob ihr Kind eher intro- oder extravertiert ist, können sie besser auf seine Bedürfnisse eingehen. Introvertierte Kinder brauchen vielleicht ruhige Lernzeiten oder Rückzugsmöglichkeiten. Extravertierte Kinder profitieren von Spiel, Austausch und Bewegung.

Wer diese Unterschiede kennt, kann Förderung, Aufmerksamkeit und Tagesstruktur individuell anpassen, ohne dass ein Kind über- oder unterfordert wird. Gleichzeitig hilft dieses Wissen ErzieherInnen und Lehrkräften, das Kind richtig einzuschätzen und das Umfeld gut zu gestalten.

Und was, wenn beides irgendwie zutrifft?

Ein sehr wichtiger Punkt im Familienalltag ist es, zu wissen, woher du als hochsensible Mama oder hochsensibler Papa deine Energie bekommst.

Gehe die Liste der Verhaltensmerkmale für dich, deinen Partner und dein Kind (deine Kinder) durch. Wenn sowohl Intro- als auch Extraversion in deiner Familie vertreten sind, weißt du ab nun genau, dass es unterschiedliche Bedürfnisse allein aufgrund dieser Neigungen gibt und kannst entsprechend handeln.

Wenn du jetzt bis hierhin gelesen hast und du der Meinung bist, du seist sowohl introvertiert als auch extravertiert, dann könnte es sein, dass du zu den hochsensiblen Menschen gehörst, die zusätzlich über die Merkmale der High Sensation Seeker verfügen.

Lies dazu auch den folgenden Blogartikel: Extravertierte Hochsensible - zwischen Gaspedal und Bremse.

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Über die Autorin

Tina Pichler

Tina Pichler begleitet Eltern, Pädagog*innen und Lehrkräfte im Familien- und Bildungsalltag – praxisnah, unkonventionell und mit einem Augenzwinkern. Sie ist diplomierte Familienbegleiterin, psychologische Beraterin für Hochsensibilität und Hochbegabung, zertifizierte Parent Educatorin, leitet das BIPP und studiert Bildungswissenschaften. Ihr Fokus: das Potenzial von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen entdecken – mit Humor, Aha-Momenten und sofort umsetzbaren Lösungen.

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