High Sensation Seeking: Wenn Hochsensible neue und intensive Erfahrungen suchen
„Ich bin doch nicht hochsensibel!“ – wenn das eigene Erleben nicht zum Bild passt
Vielleicht hast du dich schon einmal mit Hochsensibilität beschäftigt und dabei gedacht:
„Das bin ich nicht.“
Du liebst Reisen, Abenteuer und neue Erfahrungen. Du suchst Abwechslung, probierst gerne etwas Neues aus und kannst dich für intensive Erlebnisse begeistern. Routine langweilt dich schnell. Manchmal brauchst du sogar regelrecht den nächsten Impuls, die nächste Herausforderung oder ein neues Projekt.
Mit dem Bild eines hochsensiblen Menschen, das häufig vermittelt wird, scheint das zunächst nicht zusammenzupassen. Denn vielleicht verbindest du Hochsensibilität eher mit Ruhebedürfnis, Rückzug, Vorsicht und dem Wunsch nach einer reizarmen Umgebung. Und genau hier wird es interessant:
Ein Teil der hochsensiblen Menschen erlebt sich ganz anders.
Sie suchen bewusst neue und intensive Erfahrungen – und können gleichzeitig Reize besonders tief verarbeiten. Sie möchten viel erleben und brauchen danach möglicherweise deutlich mehr Zeit, um das Erlebte zu verarbeiten. Sie können Abenteuer lieben und sich nach einem aufregenden Tag völlig erschöpft zurückziehen.
Für diese Menschen hat Elaine Aron den Begriff High Sensation Seeking (HSS) im Zusammenhang mit Hochsensibilität geprägt. Dabei treffen zwei scheinbar gegensätzliche Bedürfnisse aufeinander:
„Ich will mehr erleben.“ und gleichzeitig „Ich muss das alles erst einmal verarbeiten.“
Diese Kombination kann erklären, warum sich manche Menschen in klassischen Beschreibungen von Hochsensibilität überhaupt nicht wiederfinden – obwohl die für Hochsensibilität typische intensive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsweise durchaus zu ihrem Erleben gehören kann.
Das Wichtigste auf einen Blick
- High Sensation Seeking bedeutet nicht einfach „besonders risikofreudig“.
- Das wissenschaftliche Konstrukt Sensation Seeking geht auf den Psychologen Marvin Zuckerman zurück.
- High Sensation Seeking (HSS) bezeichnet bei Elaine Aron die Kombination aus Hochsensibilität und einem ausgeprägten Bedürfnis nach neuen, abwechslungsreichen oder intensiven Erfahrungen.
- Ein HSS kann deshalb gleichzeitig reizoffen und reizsuchend sein.
- HSS kann bei introvertierten ebenso wie bei extravertierten Menschen vorkommen.
- Gerade hochsensible Menschen mit starkem Sensation Seeking erkennen sich manchmal nicht im gängigen Bild von Hochsensibilität wieder.
- Die scheinbare Widersprüchlichkeit – mehr erleben wollen und gleichzeitig mehr verarbeiten müssen – ist ein zentraler Aspekt dieser Kombination.
Was bedeutet Sensation Seeking?
Bevor wir uns genauer mit High Sensation Seeking beschäftigen, lohnt sich ein Blick auf den Begriff, der dahintersteht: Sensation Seeking.
Der Psychologe Marvin Zuckerman beschrieb Sensation Seeking als ein Persönlichkeitsmerkmal, das mit dem Bedürfnis nach neuen, abwechslungsreichen und intensiven Erfahrungen zusammenhängt. Dazu gehört auch die Bereitschaft, dafür Situationen aufzusuchen, die ein gewisses Maß an Unsicherheit oder Risiko enthalten können. Das wissenschaftliche Konzept ist damit deutlich breiter als die umgangssprachliche Vorstellung vom „Nervenkitzel-Sucher“.
Zuckermans Forschung unterscheidet dabei vier Bereiche des Sensation Seeking:
Thrill and Adventure Seeking – Lust auf Abenteuer
Hier geht es um die Suche nach Aufregung, Geschwindigkeit, Abenteuer und körperlich intensiven Erfahrungen. Dazu können beispielsweise bestimmte Sportarten oder andere Aktivitäten gehören, die einen besonderen Nervenkitzel bieten. Das ist der Bereich, an den viele Menschen denken, wenn sie den Begriff „Sensation Seeking“ hören. Er macht jedoch nur einen Teil des Konstrukts aus.
Experience Seeking – neue Erfahrungen erleben
Hier steht weniger das Risiko im Vordergrund, sondern die Neugier auf neue und abwechslungsreiche Erfahrungen. Das kann sich beispielsweise in einer großen Offenheit für neue Orte, Reisen, kulturelle Erfahrungen, ungewöhnliche Interessen oder unterschiedliche Lebensweisen zeigen. Auch geistige und sinnliche Erfahrungen können eine Rolle spielen.
Disinhibition – Grenzen ausprobieren
Bei diesem Bereich geht es stärker um die Suche nach sozialer und emotionaler Stimulation, um Spontaneität und eine geringere Zurückhaltung gegenüber bestimmten Erfahrungen. Das kann sich beispielsweise in einer Vorliebe für spontane Unternehmungen, Geselligkeit oder Situationen zeigen, in denen weniger Wert auf Konventionen und Kontrolle gelegt wird.
Boredom Susceptibility – geringe Toleranz für Langeweile
Menschen mit einer höheren Ausprägung in diesem Bereich erleben Wiederholung, Monotonie und Vorhersehbarkeit eher als unangenehm oder langweilig. Das kann erklären, warum manche Menschen ständig nach neuen Projekten, Interessen oder Erfahrungen suchen und sich mit Routine besonders schwertun.
Gut zu wissen
Sensation Seeking ist mehr als Risikofreude.
Wenn wir von Sensation Seeking sprechen, geht es also nicht automatisch um Extremsport, riskantes Verhalten oder den Wunsch nach ständigem Nervenkitzel.
Ein Mensch kann ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Neuem und Intensivem haben, ohne besonders risikofreudig zu sein. Vielleicht sucht er neue Gedanken, neue Orte, neue Menschen, neue Erfahrungen, neue Herausforderungen oder einfach immer wieder etwas, das ihn innerlich anregt.
Und genau diese breitere Bedeutung von Sensation Seeking ist wichtig, wenn wir anschließend den Begriff Sensation Seeking im Zusammenhang mit Hochsensibilität betrachten.
Was bedeutet High Sensation Seeking?
High Sensation Seeking (HSS) beschreibt bei Elaine Aron die Kombination aus hoher Sensory Processing Sensitivity (SPS) und einem gleichzeitig ausgeprägten Bedürfnis nach neuen, abwechslungsreichen oder intensiven Erfahrungen. Aron betont ausdrücklich, dass hochsensible Menschen gleichzeitig Sensation Seeker sein können.
Genau diese Kombination macht HSS so interessant – und erklärt, warum sich manche Menschen in Beschreibungen von Hochsensibilität zunächst überhaupt nicht wiedererkennen. Denn wenn jemand gerne Neues ausprobiert, Abenteuer sucht, viel unterwegs ist, sich schnell für neue Themen begeistert oder starke Erlebnisse braucht, wirkt das zunächst kaum vereinbar mit dem verbreiteten Bild eines hochsensiblen Menschen.
Doch Hochsensibilität bedeutet nicht, dass ein Mensch wenig Reize möchte.
Sie beschreibt vielmehr eine besondere Art der Wahrnehmung und Verarbeitung von Informationen. Mehr darüber, was Hochsensibilität aus wissenschaftlicher Sicht bedeutet und wie sich eine erhöhte Sensitivität zeigen kann, erfährst du im Wissensartikel Was ist Hochsensibilität wirklich? Menschen mit hoher Sensory Processing Sensitivity nehmen subtile Reize stärker wahr und verarbeiten Erfahrungen häufig intensiver. Gleichzeitig können sie sehr unterschiedliche Bedürfnisse nach Stimulation haben.
Wenn Reizoffenheit und Reizsuche zusammentreffen
Genau hier liegt die Besonderheit des High Sensation Seekers: Die Welt soll etwas bieten – aber sie kann gleichzeitig sehr viel sein.
Eine HSS kann sich beispielsweise nach einem aufregenden Urlaub sehnen, während der Urlaub selbst mit all seinen Eindrücken anstrengend wird. Sie kann neue Menschen kennenlernen wollen und gleichzeitig nach intensiven sozialen Begegnungen Rückzug brauchen.
Er kann einen neuen Sport ausprobieren, ein neues Projekt beginnen oder spontan verreisen wollen – und anschließend feststellen, dass die vielen Eindrücke erst einmal verarbeitet werden müssen.
Das scheinbare Paradox lautet: „Ich möchte mehr erleben – und muss gleichzeitig mehr verarbeiten.“ Gerade darin kann der Schlüssel liegen, um Menschen zu verstehen, die sich selbst bisher nicht als hochsensibel erlebt haben.
Hochsensibel und trotzdem reizsuchend?
Ja. Elaine Arons HSS-Konzept macht genau auf diese Kombination aufmerksam. Auf ihrer Website beschreibt sie ausdrücklich, dass ein Mensch gleichzeitig hochsensibel und ein Sensation Seeker sein kann. Dabei sollten wir allerdings nicht den Eindruck erwecken, dass Hochsensibilität und Sensation Seeking grundsätzlich zusammengehören. Sie sind unterschiedliche Merkmale. HSS bezeichnet gerade die Menschen, bei denen beides zusammenkommt – eine hohe Sensitivität und gleichzeitig ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Stimulation und neuen Erfahrungen.
Ein Fuß auf dem Gaspedal, einer auf der Bremse
Vielleicht lässt sich die besondere Situation eines High Sensation Seekers am besten mit einem Bild beschreiben: Ein Fuß steht auf dem Gaspedal, der andere auf der Bremse.
Da ist auf der einen Seite der Wunsch nach Neuheit, Abwechslung, Intensität und neuen Erfahrungen. Etwas soll passieren. Es darf spannend sein. Ein neues Projekt, eine Reise, ein unbekannter Ort, ein intensives Gespräch oder eine herausfordernde Aufgabe können ausgesprochen anziehend wirken.
Auf der anderen Seite steht die hohe Sensitivität: Eindrücke werden möglicherweise besonders intensiv aufgenommen und tief verarbeitet. Was zunächst aufregend und bereichernd war, kann später zu viel werden.
Das Interessante dabei: Das Bedürfnis nach Rückzug wird nicht immer bewusst wahrgenommen.
Gerade Menschen, die sich stark über ihre Neugier, Aktivität und Begeisterungsfähigkeit erleben, bemerken möglicherweise lange Zeit nicht, dass ihr Nervensystem bereits nach einer Pause verlangt. Sie spüren vielleicht nur, dass sie gereizter werden, schlechter schlafen, ungeduldiger reagieren oder sich plötzlich erschöpft fühlen.
Die Körpersignale werden dann leicht übergangen:
„Ich will doch noch gar nicht nach Hause.“
„Ich bin doch eigentlich noch gar nicht müde.“
„Ich brauche keine Pause – ich will das noch erleben.“
Und so wird das innere Bremssignal immer wieder überfahren.
Wenn der Rückzug erst dann kommt, wenn nichts mehr geht
Ein High Sensation Seeker kann dadurch in einen Kreislauf geraten:
Reizsuche → intensive Erfahrung → zunehmende Reizverarbeitung → Körpersignale → Übergehen der Signale → Erschöpfung → Rückzug
Der Rückzug kommt dann nicht unbedingt zu dem Zeitpunkt, an dem er eigentlich hilfreich gewesen wäre, sondern erst dann, wenn der Körper oder das Nervensystem die Pause geradezu erzwingt.
Das kann beispielsweise bedeuten, dass jemand nach einem aufregenden Wochenende nicht einfach etwas ruhiger macht, sondern am Montag völlig erschöpft ist und sich am liebsten von allem zurückzieht.
Praxisbeispiel
Ein hochsensibles Kind freut sich schon seit Tagen auf den Ausflug mit der Kindergartengruppe. Es möchte unbedingt mitfahren, ist neugierig und voller Vorfreude. Während des Ausflugs ist es begeistert, probiert alles aus und möchte möglichst nichts verpassen. Auf der Rückfahrt kippt die Stimmung plötzlich. Das Kind wird quengelig, zieht sich zurück oder reagiert empfindlich auf Kleinigkeiten.
Für Erwachsene kann das zunächst widersprüchlich erscheinen: „Aber du wolltest doch unbedingt mit!“ Vielleicht hat das Kind die eigenen Signale während des Ausflugs aber noch gar nicht wahrgenommen. Der Wunsch, nichts zu verpassen und weiter dabei zu sein, war stärker als die Wahrnehmung des eigenen Erholungsbedürfnisses.
Gerade bei Kindern müssen Erwachsene deshalb manchmal die Körpersignale mitbeobachten und eine Pause ermöglichen, bevor das Kind selbst danach verlangt.
Potenzialblick
Bei einem HSS geht es deshalb nicht darum, die Lust auf Neues zu bremsen. Vielmehr kann es eine wichtige Fähigkeit sein, die eigene innere Bremse überhaupt erst kennenzulernen.
- Wann wird aus Begeisterung Anspannung?
- Wann wird aus Aktivität Erschöpfung?
- Wann braucht der Körper bereits eine Pause, obwohl der Kopf noch weitermachen möchte?
Je früher solche Signale wahrgenommen werden, desto eher kann ein Mensch lernen, Intensität und Erholung selbstbestimmt miteinander zu verbinden. Dann muss Rückzug nicht mehr das Ende eines aufregenden Erlebnisses sein, weil gar nichts mehr geht. Er wird zu einem bewussten Teil davon.
Woran erkennt man High Sensation Seeking?
High Sensation Seeking zeigt sich nicht bei allen Menschen auf dieselbe Weise. Entscheidend ist weniger ein einzelnes Verhalten als das Zusammenspiel von Neuheitssuche, Intensitätsbedürfnis und hoher Sensitivität.
Ein High Sensation Seeker kann beispielsweise große Freude daran haben, neue Dinge auszuprobieren, sich in unbekannte Situationen zu begeben oder sich immer wieder für neue Themen und Aktivitäten zu begeistern. Gleichzeitig kann die intensive Verarbeitung dieser Erfahrungen dazu führen, dass Erholung und Rückzug notwendig werden.
Typische Merkmale können sein
- starke Neugier und ein ausgeprägtes Interesse an Neuem
- Freude an Abwechslung und Veränderung
- Begeisterung für intensive Erlebnisse
- Lust auf Abenteuer und Herausforderungen
- schnelle Langeweile bei Monotonie und Wiederholung
- viele unterschiedliche Interessen
- spontane Entscheidungen und der Wunsch, Dinge auszuprobieren
- eine hohe Offenheit für neue Menschen, Orte und Erfahrungen
- starke Begeisterungsfähigkeit
- gleichzeitig eine ausgeprägte Sensitivität für Eindrücke
- das Bedürfnis nach Rückzug nach intensiven Phasen
- eine Tendenz, die eigenen Erschöpfungssignale zunächst zu übergehen
Dabei müssen nicht alle Merkmale gleichzeitig vorhanden sein. Sensation Seeking hat unterschiedliche Facetten, und auch die Kombination mit hoher Sensitivität kann individuell sehr verschieden aussehen.
Wichtig zu wissen
Ein einzelnes Verhalten macht einen Menschen nicht zum High Sensation Seeker.
Wer gerne reist, Extremsport betreibt oder viele Hobbys hat, ist deshalb nicht automatisch HSS. Umgekehrt muss ein High Sensation Seeker auch keineswegs besonders risikofreudig sein. Gerade die Suche nach Neuheit, Komplexität und intensiven Erfahrungen kann viel stärker im Vordergrund stehen als das Risiko selbst.
Interessant wird es dort, wo sich die beiden Seiten wiederfinden: „Ich brauche neue Impulse, weil mich Routine schnell langweilt.“ und gleichzeitig: „Ich nehme diese Erfahrungen sehr intensiv auf und brauche danach Zeit, um sie zu verarbeiten.“
Diese Kombination ist es, die einen High Sensation Seeker von einem Menschen unterscheidet, der lediglich gerne Abwechslung hat
Praxisbeispiel
Ein Kind langweilt sich im Kindergarten schnell, wenn sich Aktivitäten wiederholen. Es fragt ständig:
„Was machen wir jetzt?“
„Was können wir noch ausprobieren?“
„Gibt es etwas Neues?“
Bei einem Ausflug ist es dagegen voller Begeisterung dabei, möchte alles ausprobieren und möglichst nichts verpassen. Am Nachmittag ist dasselbe Kind plötzlich erschöpft, gereizt oder zieht sich zurück.
Wenn man nur die erste Seite betrachtet, könnte man sagen: „Dieses Kind braucht ständig Action.“ Wenn man beide Seiten betrachtet, entsteht ein anderes Bild: Dieses Kind sucht Stimulation – und verarbeitet gleichzeitig besonders intensiv. Genau dieser Zusammenhang kann helfen, HSS-Kinder besser zu verstehen
High Sensation Seeking bei Kindern
Gerade bei Kindern kann High Sensation Seeking leicht mit anderen Verhaltensweisen verwechselt werden. Ein Kind, das ständig Neues ausprobieren möchte, schnell gelangweilt ist oder besonders viel Aktivität sucht, wird möglicherweise als unruhig, impulsiv oder schwierig wahrgenommen.
Dabei kann hinter diesem Verhalten auch ein starkes Bedürfnis nach Stimulation, Abwechslung und neuen Erfahrungen stehen. Gleichzeitig kann ein hochsensibles Kind Reize besonders intensiv aufnehmen und verarbeiten. Genau diese Kombination kann im Alltag zu einem scheinbaren Widerspruch führen: Das Kind sucht die nächste aufregende Erfahrung – und ist anschließend von den vielen Eindrücken erschöpft.
Wenn Kinder möglichst nichts verpassen möchten
HSS-Kinder können eine ausgeprägte Neugier und große Begeisterungsfähigkeit zeigen. Ein neues Angebot, ein Ausflug oder eine ungewöhnliche Aktivität kann sie sofort fesseln. Sie möchten möglicherweise dabei sein, ausprobieren, entdecken und möglichst nichts verpassen.
Gerade dadurch kann es ihnen schwerfallen, rechtzeitig eine Pause einzulegen. Ein Kind merkt vielleicht durchaus, dass es müde wird oder dass die Situation zunehmend anstrengend ist – aber die Neugier auf das, was als Nächstes passiert, ist zunächst stärker.
Praxisbeispiel
In einer Kindergruppe wird spontan ein neues Bewegungsangebot aufgebaut. Ein Kind ist sofort begeistert und möchte jede Station ausprobieren. Auch als die Pädagogin ankündigt, dass es Zeit für eine Pause wäre, möchte es noch weitermachen: „Ich will nur noch das eine ausprobieren!“
Nach einiger Zeit kippt die Stimmung. Das Kind wird gereizt, reagiert empfindlich auf andere Kinder und möchte plötzlich gar nichts mehr machen. Statt das Verhalten ausschließlich als „unruhig“ oder „überdreht“ zu betrachten, kann es hilfreich sein, beide Seiten zu sehen: Die Aktivität hat das Kind stark angesprochen – gleichzeitig hat die intensive Verarbeitung der vielen Eindrücke seine Ressourcen zunehmend beansprucht.
Gerade hier können Erwachsene helfen, die Signale wahrzunehmen, die das Kind selbst noch nicht gut einordnen kann.
Viele Interessen und schnelle Begeisterung
Ein weiteres mögliches Merkmal kann eine große thematische und praktische Neugier sein. Ein Kind interessiert sich vielleicht heute für Dinosaurier, morgen für Planeten, danach für Insekten und kurz darauf für ein völlig neues Thema. Es kann sich jeweils mit großer Intensität darauf einlassen.
Das muss nicht bedeuten, dass es „nicht bei einer Sache bleiben kann“. Vielleicht braucht es schlicht neue geistige oder sinnliche Anregungen, sobald ein Thema für das Kind an Reiz verliert.
Gerade deshalb kann es hilfreich sein, nicht nur darauf zu schauen, wie lange ein Kind bei einem einzelnen Thema bleibt, sondern auch darauf, wie intensiv es sich mit den Themen beschäftigt, die es gerade faszinieren.
Praxisbeispiel
Bei einem HSS-Kind muss die Frage deshalb nicht lauten: „Wie bringen wir dieses Kind dazu, endlich ruhiger zu werden?“
Interessanter kann sein: „Welche Art von Anregung sucht dieses Kind – und wie können wir gleichzeitig dafür sorgen, dass es seine eigenen Grenzen wahrnimmt?“ Denn genau diese Verbindung kann langfristig eine wichtige Ressource werden: Neugier behalten – und die eigene Belastungsgrenze kennenlernen.
Wenn HSS-Kinder zwischen Langeweile und Überreizung geraten
Gerade im pädagogischen Alltag kann die Kombination aus hoher Sensitivität und starkem Bedürfnis nach Stimulation eine besondere Herausforderung darstellen. Denn ein HSS-Kind kann sich schnell langweilen, wenn eine Situation zu wenig Anregung bietet – und gleichzeitig überfordert sein, wenn zu viele Reize gleichzeitig auf es einwirken.
Es geht also nicht einfach um „mehr“ oder „weniger Reize“, sondern um die passende Art und Dosierung von Stimulation.
Zu wenig Anregung kann ebenso schwierig sein wie zu viel
Ein Kind kann beispielsweise bei einer wiederkehrenden Routine innerlich aussteigen, weil es die Aufgabe längst verstanden hat und nichts Neues mehr entdeckt. Eine abwechslungsreichere oder anspruchsvollere Aufgabe kann dagegen plötzlich wieder Aufmerksamkeit und Begeisterung auslösen.
Umgekehrt kann genau dieses Kind in einer lauten, unübersichtlichen Situation mit vielen Menschen, Geräuschen und wechselnden Anforderungen an seine Grenzen kommen. Unterforderung und Überforderung können also bei ein und demselben Kind sehr nah beieinanderliegen.
Praxisbeispiel aus der Schule
Ein Schüler arbeitet bei einer Übung auffallend langsam und wirkt gelangweilt. Er schaut aus dem Fenster, beginnt mit seinem Sitznachbarn zu sprechen und scheint wenig Interesse an der Aufgabe zu haben. Später bekommt die Klasse eine komplexere Aufgabe, bei der mehrere Lösungswege möglich sind. Plötzlich ist derselbe Schüler hochkonzentriert, entwickelt eigene Ideen und arbeitet mit großer Begeisterung.
Am nächsten Tag findet eine größere Schulveranstaltung statt. Viele Klassen sind gleichzeitig im Gebäude, es ist laut und unruhig. Der Schüler reagiert gereizt, kann sich kaum konzentrieren und möchte möglichst schnell nach Hause. Wenn wir nur einzelne Situationen betrachten, wirken diese Reaktionen widersprüchlich. Im Zusammenhang betrachtet können sie jedoch ein Muster ergeben: Der Schüler sucht geistige Stimulation, verarbeitet gleichzeitig Reize intensiv und braucht deshalb eine Umgebung, die beides berücksichtigt.
Die richtige Frage ist nicht immer „Wie viel?“
Bei HSS kann deshalb die Frage nach der Reizmenge allein zu kurz greifen. Interessanter ist: Welche Reize sind gerade anregend – und welche werden belastend?
Eine anspruchsvolle Denkaufgabe kann beispielsweise genau die richtige Stimulation bieten, während Hintergrundgeräusche, häufige Unterbrechungen oder ein unübersichtlicher Raum gleichzeitig unnötig Energie kosten.
Auch ein Ausflug kann für ein Kind sehr bereichernd sein, wenn es ausreichend Möglichkeiten zum Entdecken bekommt – und trotzdem Phasen eingeplant sind, in denen es sich zurückziehen oder zur Ruhe kommen kann.
Gut zu wissen
HSS bedeutet nicht, dass ein Kind ständig beschäftigt werden muss.
Das Ziel ist nicht, jede Langeweile sofort zu beseitigen oder immer neue Reize anzubieten. Vielmehr geht es darum, Kindern zu helfen, einen guten Umgang mit ihrem eigenen Bedürfnis nach Stimulation und ihrer persönlichen Verarbeitungskapazität zu entwickeln.
Gerade für Pädagog:innen kann das bedeuten, zwischen einem Kind, das tatsächlich unterfordert ist, und einem Kind, das bereits überreizt ist, genauer zu unterscheiden.
Denn von außen können beide Situationen manchmal ähnlich aussehen: Das Kind steigt aus. Die Frage ist: Warum?
High Sensation Seeking und Hochsensibilität – warum sich manche Menschen darin nicht wiedererkennen
Gerade hier liegt ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis von High Sensation Seeking. Wer Hochsensibilität bisher vor allem mit Rückzug, Ruhe, Vorsicht und Reizvermeidung verbindet, wird sich selbst möglicherweise nicht als hochsensibel erleben.
Vielleicht denkst du:
„Ich suche doch gerade die intensiven Erfahrungen. Ich möchte reisen, Neues ausprobieren, unter Menschen sein und mich herausfordern. Wie soll ich da hochsensibel sein?“
Doch genau diese Vorstellung von Hochsensibilität greift zu kurz. Hochsensibilität beschreibt nicht, dass jemand möglichst wenige Erfahrungen machen möchte. Im Mittelpunkt steht vielmehr, wie intensiv Informationen und Reize wahrgenommen und verarbeitet werden. Ein Mensch kann deshalb sehr viel erleben wollen und gleichzeitig sehr viel von dem Erlebten aufnehmen.
Hochsensibilität bedeutet nicht automatisch Reizvermeidung
Manche hochsensible Menschen gestalten ihr Leben tatsächlich eher ruhig und reizarm. Andere suchen bewusst Situationen auf, die intensiv, neu oder anregend sind.
Bei einem High Sensation Seeker kann genau diese aktive Suche nach Stimulation besonders stark ausgeprägt sein. Das kann dazu führen, dass die Person ihre eigene Sensitivität lange nicht erkennt.
Vielleicht fällt ihr nur auf:
- dass sie nach intensiven Tagen erschöpft ist,
- dass sie bestimmte Geräusche oder Atmosphären irgendwann nicht mehr aushält,
- dass sie nach sozialen Erlebnissen viel Zeit für sich braucht,
- dass sie sehr tief über Erlebtes nachdenkt,
- dass ihr Körper irgendwann deutlich „Stopp“ signalisiert.
Diese Erfahrungen werden aber möglicherweise nicht mit Hochsensibilität in Verbindung gebracht, weil die Person sich selbst als aktiv, abenteuerlustig oder reizsuchend erlebt.
Beispiel aus dem Alltag
Eine Frau liebt Reisen. Sie plant gerne Rundreisen, möchte möglichst viele Orte kennenlernen und genießt es, neue Menschen, Kulturen und Landschaften zu erleben. Nach außen wirkt sie ausgesprochen unternehmungslustig. Gleichzeitig stellt sie fest, dass sie nach einigen Tagen unterwegs zunehmend erschöpft ist. Sie schläft schlechter, reagiert empfindlicher auf Geräusche und Menschenmengen und braucht zwischendurch einen ganzen Tag allein.
Bisher hat sie daraus geschlossen: „Ich bin einfach schlecht darin, Urlaub zu machen.“ Vielleicht steckt dahinter aber etwas anderes: Sie liebt die Intensität der Erfahrung – und verarbeitet gleichzeitig die vielen Eindrücke besonders tief. Das eine schließt das andere nicht aus.
Vielleicht erkennst du dich deshalb bisher nicht als hochsensibel
Wenn du dich in klassischen Beschreibungen von Hochsensibilität nicht wiederfindest, kann es sich lohnen, genauer hinzusehen. Nicht nur: „Suche ich Ruhe?“ sondern auch: „Wie verarbeite ich das, was ich erlebe?“
Vielleicht brauchst du keine reizlose Umgebung, sondern abwechslungsreiche Erfahrungen mit ausreichenden Erholungsphasen dazwischen. Vielleicht ist nicht die Intensität selbst das Problem, sondern dass du deine eigenen Grenzen erst bemerkst, wenn du sie bereits überschritten hast.
Und vielleicht erklärt genau diese Kombination, warum du dich bisher weder mit dem Bild eines „typisch hochsensiblen“ Menschen noch mit dem eines klassischen „Abenteurers“ vollständig identifizieren konntest.
Potenzialblick
Die Verbindung von Sensitivität und Sensation Seeking eröffnet einen anderen Blick auf Hochsensibilität: Es geht nicht darum, wie viel ein Mensch erleben möchte. Es geht auch darum, wie viel von dem Erlebten bei ihm ankommt und verarbeitet wird.
Ein Mensch darf das Abenteuer suchen und empfindsam sein. Er darf Neues brauchen und Pausen benötigen. Er darf intensiv leben und intensiv verarbeiten. Vielleicht ist genau diese Gleichzeitigkeit der Schlüssel, um sich selbst besser zu verstehen.
High Sensation Seeking und Introversion oder Extraversion
Ein weiterer Grund, warum High Sensation Seeking häufig missverstanden wird: HSS und Extraversion sind nicht dasselbe. Ein High Sensation Seeker kann introvertiert oder extravertiert sein. Auch das verbreitete Bild, dass eine Person, die gerne neue Erfahrungen sucht, automatisch besonders gesellig und kontaktfreudig sein müsse, greift deshalb zu kurz.
Der introvertierte High Sensation Seeker
Eine introvertierte HSS kann beispielsweise große Freude an Reisen, Abenteuern, neuen Themen oder ungewöhnlichen Erfahrungen haben – ohne deshalb ständig Gesellschaft zu suchen.
Vielleicht fährt sie lieber allein in eine fremde Stadt, vertieft sich stundenlang in ein neues Interessengebiet oder probiert eine herausfordernde Aktivität aus, um anschließend wieder Zeit für sich zu brauchen. Die Suche nach neuen Erfahrungen richtet sich also nicht zwangsläufig auf soziale Stimulation.
Der extravertierte High Sensation Seeker
Bei einem extravertierten HSS kann sich die Suche nach Stimulation dagegen stärker im sozialen Bereich zeigen:
- neue Menschen kennenlernen
- Veranstaltungen besuchen
- spontan etwas unternehmen
- intensive Gespräche führen
- Gruppenaktivitäten und gemeinsame Erlebnisse suchen
- gerne im Mittelpunkt einer lebendigen Situation sein
Auch hier kann jedoch nach intensiven sozialen Erfahrungen ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Erholung entstehen.
Beispiel aus dem Alltag
Zwei hochsensible Menschen freuen sich auf ein Wochenende in einer neuen Stadt. Die eine Person möchte möglichst viele Orte allein erkunden, Museen besuchen und sich zwischendurch immer wieder zurückziehen. Die andere möchte Menschen kennenlernen, in Cafés sitzen, Veranstaltungen besuchen und spontan entscheiden, was als Nächstes passiert. Beide können High Sensation Seeker sein.
Was sie verbindet, ist nicht ihre soziale Ausrichtung, sondern das Bedürfnis nach neuen und intensiven Erfahrungen – verbunden mit einer hohen Sensitivität.
Warum diese Unterscheidung wichtig ist
Wenn High Sensation Seeking vorschnell mit Extraversion gleichgesetzt wird, können sich gerade introvertierte HSS noch schwerer in der Beschreibung wiederfinden.
Vielleicht denken sie: „Ich bin doch gar nicht der gesellige Typ – also kann ich kein High Sensation Seeker sein.“ Dabei können sich Sensation Seeking und Introversion durchaus miteinander verbinden.
Mehr dazu, wie Introversion und Extraversion im Alltag sichtbar werden und warum sie nicht einfach mit „schüchtern“ und „gesellig“ gleichgesetzt werden sollten, findest du im Wissensartikel Introversion und Extraversion
High Sensation Seeking und Hochbegabung
Auch zur Hochbegabung kann es Berührungspunkte geben – und gerade hier lohnt sich eine differenzierte Betrachtung.
Ein hochbegabter Mensch kann ein starkes Bedürfnis nach geistiger Anregung, Neuheit, Komplexität und Herausforderungen haben. Neue Fragestellungen, anspruchsvolle Aufgaben oder ungewohnte Perspektiven können besonders stimulierend sein.
Das kann sich äußerlich durchaus ähnlich zeigen wie Sensation Seeking. Hochbegabung und High Sensation Seeking sind deshalb aber nicht dasselbe. Ein Mensch kann hochbegabt sein, ohne ein ausgeprägtes Sensation Seeking zu zeigen – und ein HSS muss nicht unbedingt hochbegabt sein.
Wenn geistige Herausforderung zur Stimulation wird
Bei manchen Menschen liegt die gesuchte Intensität weniger im körperlichen Abenteuer als im Denken selbst. Sie möchten verstehen, Zusammenhänge entdecken, komplexe Fragen verfolgen oder sich in ein neues Thema regelrecht hineinarbeiten. Routine und Wiederholung können dagegen schnell langweilig werden.
Ein Kind kann beispielsweise eine Aufgabe, die es bereits verstanden hat, sofort beenden wollen und anschließend nach etwas Neuem fragen. Eine komplexere Aufgabe, bei der es selbst überlegen, kombinieren und experimentieren muss, kann dagegen plötzlich seine ganze Aufmerksamkeit binden.
Gerade bei hochbegabten Kindern kann es deshalb sinnvoll sein, Langeweile nicht vorschnell als mangelnde Motivation zu interpretieren.
Beispiel aus der Schule
Ein Schüler arbeitet bei einer Übungsreihe zunehmend unkonzentriert. Er spricht mit seinem Sitznachbarn und beginnt, auf seinem Blatt eigene Zeichnungen anzufertigen. Die Lehrkraft gibt ihm anschließend eine offene Aufgabe, bei der er mehrere Lösungswege finden und begründen soll. Plötzlich arbeitet er hochkonzentriert, stellt zahlreiche Fragen und entwickelt Lösungen, die weit über die ursprüngliche Aufgabenstellung hinausgehen. Vielleicht braucht dieses Kind nicht einfach mehr Aufgaben, sondern mehr geistige Herausforderung.
Wenn zusätzlich eine hohe Sensitivität vorliegt und das Kind Eindrücke besonders intensiv verarbeitet, kann die Situation noch komplexer werden: Es kann einerseits nach anspruchsvoller Stimulation suchen und andererseits bei einer insgesamt reizvollen Umgebung schnell an seine Grenzen kommen.
Wenn sich mehrere Besonderheiten überschneiden
Gerade bei Kindern kann es hilfreich sein, nicht vorschnell nach einer einzigen Erklärung für ein Verhalten zu suchen.
Ein Kind kann beispielsweise:
- besonders schnell denken,
- komplexe Zusammenhänge suchen,
- sich schnell langweilen,
- viele Interessen entwickeln,
- neue Erfahrungen lieben,
- gleichzeitig Reize besonders intensiv wahrnehmen
- und nach intensiven Phasen viel Erholung benötigen.
Hier können Hochbegabung, Hochsensibilität und Sensation Seeking miteinander in Berührung kommen, ohne dass eines dieser Merkmale automatisch aus dem anderen folgt.
Wenn du genauer wissen möchtest, woran Hochbegabung erkannt werden kann und warum hochbegabte Kinder im pädagogischen Alltag häufig übersehen werden, findest du dazu mehr im Wissensartikel Hochbegabung erkennen
Potenzialblick
Vielleicht ist bei einem Kind, das ständig nach neuen Fragen, Themen und Herausforderungen sucht, nicht das Problem, dass es sich „nicht konzentrieren kann“. Vielleicht konzentriert es sich besonders gut, wenn etwas sein Denken wirklich anregt.
Der Potenzialblick fragt deshalb nicht nur: „Wie halten wir die Aufmerksamkeit des Kindes aufrecht?“ Sondern auch: „Womit können wir seine Neugier und seine Denkfreude nähren?“
High Sensation Seeking und Scanner-Persönlichkeit
Vielleicht kennst du das von dir selbst oder deinem Kind: Ein Thema begeistert dich – und dann plötzlich ein ganz anderes. Du möchtest Neues lernen, unterschiedliche Erfahrungen machen und dich nicht dauerhaft auf einen einzigen Bereich festlegen.
Genau hier gibt es interessante Überschneidungen zwischen dem, was häufig als Scanner-Persönlichkeit bezeichnet wird, und High Sensation Seeking.
Die amerikanische Autorin und Karriereberaterin Barbara Sher hat den Begriff Scanner vor allem durch ihr Buch Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Dinge liebst bekannt gemacht. Sie beschreibt damit Menschen, die sich für viele unterschiedliche Themen interessieren, sich intensiv in Neues einarbeiten und sich nur schwer auf einen einzigen beruflichen oder persönlichen Schwerpunkt festlegen möchten.
Diese Beschreibung weist einige deutliche Berührungspunkte mit High Sensation Seeking auf: Neugier, Abwechslung, neue Erfahrungen, intensive Interessen und eine geringe Freude an Monotonie.
Wenn Neues Energie gibt
Ein Mensch mit vielen Interessen kann sich beispielsweise intensiv für Fotografie begeistern, anschließend in die Psychologie eintauchen, einen Kochkurs beginnen und wenig später ein völlig neues Thema entdecken.
Von außen kann das schnell wie Unbeständigkeit wirken: „Warum kannst du dich nicht einfach einmal auf eine Sache konzentrieren?“
Für die betreffende Person kann sich das jedoch ganz anders anfühlen. Das Neue selbst ist anregend. Das Entdecken, Lernen und Ausprobieren kann Energie geben und die eigene Neugier befriedigen.
Gerade wenn zusätzlich eine hohe Sensitivität besteht, kann daraus ein interessantes Spannungsfeld entstehen: Die Person sucht neue Erfahrungen, nimmt diese gleichzeitig aber sehr intensiv auf.
Beispiel aus dem Alltag
Eine Frau interessiert sich zunächst intensiv für Fotografie. Sie besucht Kurse, liest Bücher und probiert verschiedene Techniken aus. Einige Monate später entdeckt sie ihre Begeisterung für Psychologie und beginnt, sich ebenso intensiv damit auseinanderzusetzen.
Ihr Umfeld reagiert irritiert: „Schon wieder etwas Neues?“ Für sie selbst sind die verschiedenen Interessen jedoch keine beliebigen Launen. Jedes Thema eröffnet ihr neue Zusammenhänge, Erfahrungen und Möglichkeiten. Gleichzeitig stellt sie irgendwann fest, dass sie die vielen begonnenen Projekte kaum noch überblicken kann.
Hier zeigt sich eine mögliche Verbindung zum High Sensation Seeking: Die Suche nach Neuem kann sehr anregend sein – aber die intensive Verarbeitung und die Vielzahl der Eindrücke können gleichzeitig zur Herausforderung werden.
Viele Interessen – nicht ein einziger Lebensweg
Emilie Wapnick beschreibt in ihrem bekannten TED-Talk Menschen, die sich nicht auf eine einzige berufliche oder persönliche Berufung festlegen möchten, sondern mehrere Interessen und Tätigkeitsfelder miteinander verbinden. Sie bezeichnet sie als Multipotentialites.
Gerade die Themen Neugier, wechselnde Interessen, Begeisterung für Neues und die Verbindung unterschiedlicher Wissensbereiche bieten interessante Berührungspunkte zu dem, was wir bei manchen High Sensation Seekern beobachten können.
Wichtig: Der TED-Talk erklärt nicht High Sensation Seeking. Er ist deshalb keine Quelle für das HSS-Konzept, sondern eine ergänzende Perspektive auf das Phänomen vieler Interessen und die Multipotentialität. Wapnicks Talk stellt insbesondere die Fähigkeit zur Ideenverknüpfung, schnelles Lernen und Anpassungsfähigkeit als mögliche Stärken von Multipotentialites heraus.
„Scanner“ ist eine Beschreibung – kein wissenschaftliches Persönlichkeitskonstrukt
Wichtig ist allerdings die fachliche Einordnung: „Scanner-Persönlichkeit“ ist kein wissenschaftlich etabliertes Persönlichkeitskonstrukt. Der Begriff wird vor allem im populären Bereich verwendet und geht wesentlich auf Barbara Sher zurück.
Das bedeutet nicht, dass die beschriebenen Erfahrungen nicht real sind. Es bedeutet lediglich, dass „Scanner“ nicht auf dieselbe Weise ein wissenschaftlich definiertes Persönlichkeitsmerkmal ist wie beispielsweise Sensation Seeking.
Deshalb sollten wir auch nicht sagen: Scanner = High Sensation Seeker.
Interessanter ist die Frage nach den Überschneidungen: Neugier → Neuheit → Abwechslung → intensive Interessen → geringe Freude an Monotonie
Diese Merkmale können sowohl bei Menschen vorkommen, die sich als Scanner beschreiben, als auch bei Menschen mit ausgeprägtem Sensation Seeking.
Bei einem hochsensiblen Menschen kommt möglicherweise noch eine weitere Ebene hinzu: Die neuen Erfahrungen sind besonders anregend – werden aber möglicherweise auch besonders intensiv verarbeitet.
Potenzialblick
Vielleicht muss die Frage deshalb nicht lauten: „Warum kann sich dieser Mensch nicht einfach auf eine Sache konzentrieren?“ Sondern: „Was treibt diese außergewöhnliche Neugier an – und wie kann sie sinnvoll genutzt werden?“
Viele Interessen können anstrengend werden, wenn alles gleichzeitig verfolgt werden muss. Sie können aber ebenso eine Quelle für vielseitiges Wissen, ungewöhnliche Verbindungen und ein breites Kompetenzprofil sein. Gerade die Verbindung von Neugier, Sensitivität und dem Wunsch nach neuen Erfahrungen kann dazu führen, dass Menschen die Welt aus vielen unterschiedlichen Perspektiven betrachten.
High Sensation Seeking im Erwachsenenalter
Bei Erwachsenen zeigt sich High Sensation Seeking häufig weniger offensichtlich als bei Kindern. Das Bedürfnis nach neuen und intensiven Erfahrungen kann sich in Lebensgestaltung, Beruf, Freizeit, Beziehungen oder persönlichen Entwicklungsthemen ausdrücken.
Vielleicht ist da immer wieder dieses Gefühl: „Da muss doch noch etwas Neues kommen.“
Ein neuer Kurs, eine Reise, ein berufliches Projekt, ein Hobby oder eine Begegnung kann starke Begeisterung auslösen. Gleichzeitig kann die Fülle an Eindrücken und Aktivitäten irgendwann zu einer Belastung werden.
Wenn Routine schnell zu Langeweile wird
Für manche HSS-Erwachsene ist nicht die Arbeit an sich das Problem, sondern die Monotonie. Eine Tätigkeit kann zunächst ausgesprochen spannend sein. Sobald sie jedoch vertraut geworden ist und kaum noch neue Herausforderungen bietet, sinkt die Motivation.
Das kann dazu führen, dass Menschen immer wieder nach neuen Projekten suchen oder beruflich und privat verschiedene Dinge ausprobieren. Dabei entsteht leicht der Eindruck von Unbeständigkeit:
„Warum reicht dir das nicht? Du hast doch gerade erst damit angefangen.“
Vielleicht war die Begeisterung aber durchaus echt. Nur der Reiz des Neuen ist irgendwann verschwunden.
Zwischen Begeisterung und Erschöpfung
Gerade hochsensible HSS-Erwachsene können dabei in einen wiederkehrenden Kreislauf geraten:
Begeisterung → intensive Beschäftigung → immer mehr Aktivität → Erschöpfung → Rückzug → neue Sehnsucht nach Stimulation
Das kann sich beispielsweise im Berufsleben zeigen. Ein neues Projekt wird mit enormer Energie begonnen. Es entstehen viele Ideen, Verbindungen und Möglichkeiten. Gleichzeitig werden die eigenen Grenzen möglicherweise erst spät wahrgenommen.
Wenn die Erschöpfung schließlich deutlich spürbar wird, folgt eine Phase des Rückzugs. Nach einiger Zeit beginnt jedoch wieder die Suche nach etwas Neuem.
Beispiel aus dem Arbeitsalltag
Ein Mann arbeitet seit mehreren Jahren in einem Beruf, den er grundsätzlich gerne ausübt. Sobald eine neue Aufgabe oder ein neues Projekt auftaucht, ist er sofort begeistert. Er übernimmt zusätzliche Verantwortung, entwickelt Ideen und arbeitet sich tief in das neue Thema ein. Nach einigen Wochen merkt er, dass er kaum noch abschalten kann. Er schläft schlechter, ist gereizter und möchte eigentlich nur noch seine Ruhe.
Kaum hat sich die Situation wieder beruhigt, beginnt er sich jedoch für ein neues Projekt zu interessieren. Früher hat er sich dafür vielleicht als „sprunghaft“ oder „nicht belastbar“ bezeichnet. Ein anderer Blick könnte fragen: Wie könnte er seine Begeisterungsfähigkeit nutzen, ohne seine eigenen Erholungssignale immer wieder zu übergehen?
HSS muss nicht bedeuten, ständig mehr zu brauchen
Wichtig ist dabei: Ein High Sensation Seeker braucht nicht permanent mehr und stärkere Reize. Die gesuchte Stimulation kann sich verändern. Nach einer intensiven Phase kann beispielsweise Ruhe genau das sein, was wieder als angenehm und regulierend erlebt wird.
Gerade wenn hohe Sensitivität hinzukommt, kann es deshalb hilfreich sein, Intensität nicht mit Daueraktivierung zu verwechseln. Ein erfülltes Leben für einen HSS muss nicht aus einem ständigen Wechsel von Höhepunkten bestehen.
Es kann vielmehr darum gehen, die richtige Mischung aus Entdeckung, Vertiefung, Herausforderung und Erholung zu finden.
Wenn die Suche nach neuen Reizen zur Belastung wird
High Sensation Seeking ist zunächst keine Problembeschreibung. Die Freude an Neuem, die Neugier und das Bedürfnis nach intensiven Erfahrungen können wertvolle Ressourcen sein.
Schwierig kann es jedoch werden, wenn die Suche nach Stimulation dazu führt, dass eigene Grenzen dauerhaft übergangen werden.
Gerade HSS können dabei in eine paradoxe Situation geraten: Sie suchen immer wieder neue Impulse, obwohl ihr Nervensystem eigentlich bereits Erholung benötigt.
Immer wieder etwas Neues – aber keine Zeit zum Verarbeiten
Vielleicht beginnt ein neues Projekt, bevor das vorherige abgeschlossen ist. Eine Reise folgt auf die nächste. Nach einem intensiven Wochenende wird bereits das nächste Erlebnis geplant.
Das Neue macht Freude und gibt Energie. Doch zwischen den einzelnen Erfahrungen bleibt möglicherweise zu wenig Raum für Verarbeitung und Regeneration. Dann kann aus dem Bedürfnis nach Stimulation allmählich ein Gefühl entstehen, ständig etwas tun zu müssen.
Wenn die eigenen Körpersignale übergangen werden
Gerade hier spielt die bereits beschriebene „Bremse“ eine wichtige Rolle. Ein Mensch kann seine zunehmende Erschöpfung durchaus körperlich spüren, sie aber zunächst anders interpretieren:
- „Ich bin einfach gerade etwas gereizt.“
- „Ich brauche nur wieder etwas, das mir Spaß macht.“
- „Wenn ich mich aufraffe, geht es schon wieder.“
- „Ich kann mich doch jetzt nicht einfach zurückziehen.“
So kann die Suche nach dem nächsten Reiz sogar dazu beitragen, die eigentlich notwendige Erholung weiter hinauszuschieben.
Erst wenn die Belastung deutlich zunimmt, wird der Rückzug unvermeidbar.
Beispiel aus dem Alltag
Eine Frau hat eine intensive Arbeitswoche hinter sich. Am Wochenende möchte sie eigentlich Ruhe haben. Gleichzeitig wird ihr schnell langweilig, wenn nichts geplant ist. Also verabredet sie sich, besucht eine Veranstaltung und trifft anschließend noch Freunde. Sie genießt den Abend sehr.Am nächsten Tag ist sie erschöpft, nimmt aber trotzdem den nächsten Termin wahr, weil sie „nicht den ganzen Tag herumliegen“ möchte.
Erst einige Tage später merkt sie, wie dringend sie eigentlich eine Pause gebraucht hätte. Das Problem war nicht, dass sie das Wochenende genossen hat. Die Herausforderung lag darin, dass sie die Signale ihres Körpers erst sehr spät ernst genommen hat.
Es geht nicht darum, die Reizsuche zu unterdrücken
Für einen HSS wäre es deshalb wenig hilfreich, aus der Erkenntnis einfach abzuleiten: „Dann muss ich eben ruhiger werden.“
Das würde einen wichtigen Teil der eigenen Persönlichkeit ausblenden. Sinnvoller kann es sein, zwischen echter Neugier und dem Versuch zu unterscheiden, einen inneren Mangel an Stimulation sofort wieder auszugleichen.
Manchmal ist ein neues Erlebnis genau das Richtige. Manchmal ist das Bedürfnis nach Neuem aber auch ein Signal dafür, dass man mit Ruhe, Langeweile oder dem eigenen Innenleben gerade schwer in Kontakt kommt.
Diese Unterscheidung kann mit zunehmender Selbstwahrnehmung leichter werden.
Potenzialblick
Die Fähigkeit, Neues zu suchen, muss nicht kleiner werden. Die Fähigkeit, rechtzeitig zu spüren, wann genug ist, darf größer werden. Dann wird aus der scheinbaren Spannung zwischen Gaspedal und Bremse kein Kampf mehr. Beide haben ihre Berechtigung:
Das Gaspedal bringt Bewegung, Entdeckung und Lebendigkeit.
Die Bremse sorgt dafür, dass diese Intensität auch gut verarbeitet werden kann.
Gerade darin kann eine wichtige Form von Selbstregulation liegen.
High Sensation Seeking als Potenzial
Wenn wir High Sensation Seeking ausschließlich unter dem Blickwinkel von Überforderung, Impulsivität oder dem Bedürfnis nach immer neuen Reizen betrachten, wird ein wesentlicher Teil übersehen.
Denn die gleiche Eigenschaft, die einen Menschen dazu bringt, Neues zu suchen, kann ihn auch dazu befähigen, neue Wege zu entdecken, mutig auszuprobieren und sich intensiv auf Erfahrungen einzulassen.
Neugier als Antrieb
High Sensation Seeker können eine ausgeprägte Entdeckerfreude mitbringen. Sie wollen wissen, wie etwas funktioniert, möchten Erfahrungen selbst machen und sind häufig offen dafür, vertraute Wege zu verlassen.
Das kann sich in ganz unterschiedlichen Bereichen zeigen:
- neue Orte und Kulturen entdecken
- unbekannte Aktivitäten ausprobieren
- sich intensiv in neue Themen einarbeiten
- ungewöhnliche Perspektiven kennenlernen
- neue Lösungswege ausprobieren
- sich Herausforderungen stellen
- immer wieder neue Interessen entwickeln
Gerade die Verbindung mit Hochsensibilität kann dabei interessant sein: Wer intensiv wahrnimmt und gleichzeitig neugierig auf die Welt ist, kann besonders viele und differenzierte Eindrücke sammeln.
Intensität kann auch Tiefe bedeuten
Sensation Seeking wird häufig mit dem Wunsch nach „Kick“ oder Nervenkitzel verbunden. Bei hochsensiblen HSS kann die gesuchte Intensität jedoch auch ganz anders aussehen. Vielleicht geht es um ein tiefes Gespräch, ein faszinierendes Buch, Musik, Kunst, Natur, eine neue wissenschaftliche Fragestellung oder die intensive Beschäftigung mit einem persönlichen Interessengebiet.
Nicht jeder Reiz muss laut oder spektakulär sein, um intensiv erlebt zu werden. Gerade diese Seite von High Sensation Seeking wird leicht übersehen.
Praxisbeispiel
Ein Kind interessiert sich plötzlich für Vulkane. Innerhalb weniger Tage möchte es alles darüber wissen: Es schaut sich Dokumentationen an, baut einen Vulkan, zeichnet Querschnitte und stellt unzählige Fragen. Nach einiger Zeit verliert das Thema an Reiz und ein neues Interessengebiet tritt an seine Stelle.
Statt ausschließlich zu sagen: „Jetzt interessiert es sich schon wieder für etwas anderes.“ könnte man auch beobachten: Wie intensiv hat sich dieses Kind mit dem Thema auseinandergesetzt? Was hat es dabei gelernt? Welche Verbindungen hat es hergestellt? Vielleicht liegt eine Stärke gerade darin, sich mit großer Begeisterung und hoher innerer Beteiligung auf neue Themen einzulassen.
Wenn unterschiedliche Interessen miteinander verbunden werden
Besonders spannend kann es werden, wenn ein Mensch seine verschiedenen Interessen nicht als voneinander getrennte Bereiche betrachtet, sondern miteinander verbindet.
Aus Interesse an Psychologie und Fotografie könnte beispielsweise ein Interesse an Porträtfotografie entstehen. Aus Naturwissenschaft und Technik vielleicht ein eigenes Forschungsprojekt. Aus Pädagogik, Kreativität und Psychologie eine neue Methode für die Arbeit mit Kindern.
Das Neue muss also nicht immer das Alte ersetzen. Es kann sich mit ihm verbinden.
Potenzialblick
Vielleicht ist die entscheidende Frage bei einem Menschen mit starkem Bedürfnis nach Neuem nicht: „Wie bringen wir ihn dazu, endlich bei einer Sache zu bleiben?“ Sondern: „Was kann entstehen, wenn wir seine Neugier ernst nehmen und ihm gleichzeitig helfen, seine Energie gut zu dosieren?“
Denn High Sensation Seeking kann bedeuten, viel vom Leben erleben zu wollen. Die Herausforderung besteht dann nicht darin, diese Lebendigkeit kleiner zu machen. Sondern darin, einen Weg zu finden, sie zu leben, ohne sich dabei selbst zu verlieren.
Was brauchen High Sensation Seeker?
High Sensation Seeker brauchen nicht grundsätzlich weniger Reize. Entscheidend ist vielmehr, dass Neugier und Erholung ihren Platz bekommen. Denn wenn ein Mensch neue und intensive Erfahrungen sucht und gleichzeitig Reize besonders intensiv verarbeitet, braucht er einen Umgang mit beiden Seiten: dem Wunsch nach Stimulation und dem Bedürfnis nach Regeneration.
Raum für Neugier und neue Erfahrungen
High Sensation Seeker profitieren davon, ihre Neugier nicht als etwas betrachten zu müssen, das sie „wegtrainieren“ sollten. Neue Themen, Herausforderungen, Orte, Menschen oder Tätigkeiten können wichtige Quellen für Motivation und Lebendigkeit sein.
Bei Kindern kann das beispielsweise bedeuten:
- abwechslungsreiche Angebote
- neue Materialien und Erfahrungen
- Experimente und Projekte
- herausfordernde Aufgaben
- Bewegungsangebote
- Möglichkeiten, eigene Interessen zu verfolgen
- unterschiedliche Zugänge zu einem Thema
Dabei muss nicht ständig etwas Spektakuläres passieren. Auch eine interessante Frage, eine neue Perspektive oder eine anspruchsvolle Aufgabe kann ausreichend Stimulation bieten.
Gleichzeitig Rückzug und Erholung ermöglichen
Die andere Seite darf dabei nicht übersehen werden. Gerade hochsensible HSS brauchen möglicherweise mehr Zeit zur Verarbeitung, nachdem sie besonders viele oder intensive Eindrücke aufgenommen haben.
Hilfreich können sein:
- bewusste Pausen nach intensiven Erlebnissen
- Rückzugsmöglichkeiten
- ausreichend Ruhe zwischen verschiedenen Aktivitäten
- Zeiten ohne zusätzliche Termine oder Anforderungen
- eine reizärmere Umgebung nach besonders anregenden Situationen
- ausreichend Schlaf und Regeneration
Für Kinder bedeutet das nicht unbedingt, dass sie selbst bereits wissen, wann sie eine Pause benötigen. Erwachsene können lernen, frühe Signale von Überforderung wahrzunehmen und eine Pause anzubieten, bevor das Kind völlig erschöpft ist.
Die eigenen Körpersignale kennenlernen
Besonders wichtig kann es sein, die eigene „Bremse“ überhaupt erst wahrzunehmen. Denn gerade HSS können das Bedürfnis nach Rückzug zunächst übergehen. Die Begeisterung für das nächste Erlebnis ist größer als die Aufmerksamkeit für die eigenen Grenzen.
Überforderung zeigt sich dann möglicherweise zunächst körperlich oder emotional:
- zunehmende Gereiztheit
- innere Unruhe
- Erschöpfung
- Konzentrationsschwierigkeiten
- erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen oder anderen Reizen
- das Bedürfnis, allein zu sein
- schlechterer Schlaf
Die entscheidende Frage ist dann nicht: „Warum halte ich das jetzt nicht mehr aus?“ Sondern: „Was versucht mir mein Körper gerade mitzuteilen?“
Je früher solche Signale wahrgenommen werden, desto eher lässt sich die notwendige Erholung einbauen.
Praxisbeispiel: Nicht erst warten, bis es kippt
Ein Kind liebt Ausflüge und möchte bei jedem Programmpunkt dabei sein. Nach einigen Stunden wird es zunehmend unruhig und empfindlich. Trotzdem möchte es weitergehen: „Ich will noch mit!“
Eine erwachsene Begleitperson könnte hier nicht nur auf den geäußerten Wunsch achten, sondern auch auf die Körpersprache und das Verhalten des Kindes. Vielleicht braucht das Kind nicht weniger vom Ausflug, sondern zwischendurch zehn Minuten Ruhe, einen ruhigeren Ort oder eine Pause ohne weitere Anforderungen. So kann es anschließend möglicherweise wieder teilnehmen, anstatt erst völlig zu überreizen.
Was Pädagog:innen und Lehrkräfte beachten können
Für Kindergarten und Schule kann deshalb eine Balance zwischen Anregung und Regulation besonders hilfreich sein. Ein HSS-Kind muss nicht ständig beschäftigt werden. Gleichzeitig kann dauerhafte Monotonie dazu führen, dass es innerlich aussteigt und nach Stimulation sucht.
Hilfreich kann eine Umgebung sein, in der beides möglich ist:
Herausforderung und Rückzug.
Entdecken und Pause.
Bewegung und Ruhe.
Neue Erfahrungen und Verarbeitung.
Gerade bei Kindern ist es dabei wichtig, Verhalten nicht vorschnell zu bewerten. Ein Kind, das unruhig wird, kann unterfordert sein – es kann aber auch bereits überreizt sein.
Die Frage „Was braucht dieses Kind gerade?“ ist deshalb oft hilfreicher als die Frage „Wie bekomme ich dieses Verhalten weg?“.
Potenzialblick
Das Ziel ist nicht, aus einem High Sensation Seeker einen Menschen zu machen, der mit möglichst wenig Reizen auskommt. Die Neugier darf bleiben. Die Abenteuerlust darf bleiben. Die Begeisterungsfähigkeit darf bleiben.
Was hinzukommen darf, ist die Fähigkeit, die eigene Sensitivität ebenso ernst zu nehmen. Denn vielleicht braucht ein High Sensation Seeker nicht weniger Leben, sondern einen bewussteren Rhythmus zwischen Erleben und Verarbeiten. Neue Erfahrungen suchen. Eigene Grenzen wahrnehmen. Und beides miteinander verbinden.
Häufige Missverständnisse über High Sensation Seeking
Rund um High Sensation Seeking entstehen schnell falsche Vorstellungen – vor allem dann, wenn Sensation Seeking ausschließlich mit Risiko, Abenteuer und einem extrovertierten Lebensstil verbunden wird. Gerade die Verbindung mit Hochsensibilität macht jedoch deutlich, dass genauer hingeschaut werden muss.
„High Sensation Seeker sind besonders risikofreudig.“
Nicht unbedingt. Risikofreude kann eine Ausprägung von Sensation Seeking sein, aber Sensation Seeking umfasst auch die Suche nach Neuheit, Abwechslung, intensiven Erfahrungen und geistiger Stimulation.Ein HSS kann deshalb beispielsweise vor allem neue Themen, Reisen, kreative Erfahrungen oder Herausforderungen suchen, ohne ein besonderes Interesse an riskanten Aktivitäten zu haben.
„Hochsensible Menschen wollen möglichst wenig erleben.“
Auch dieses Bild greift zu kurz. Hochsensibilität beschreibt nicht, wie viele Erfahrungen jemand machen möchte, sondern wie Reize und Informationen wahrgenommen und verarbeitet werden. Ein hochsensibler Mensch kann deshalb sehr abenteuerlustig sein, viel reisen oder intensive Erfahrungen suchen – und gleichzeitig mehr Zeit zur Verarbeitung benötigen.
„Ein HSS ist automatisch extravertiert.“
Nein. High Sensation Seeking und Extraversion sind unterschiedliche Persönlichkeitsmerkmale. Ein HSS kann introvertiert oder extravertiert sein. Die eine Person sucht neue Erfahrungen vielleicht allein, die andere vor allem gemeinsam mit anderen.
„High Sensation Seeking und Hochsensibilität schließen sich aus.“
Eigentlich ist genau das Gegenteil der Ausgangspunkt des HSS-Konzepts von Elaine Aron. Die Besonderheit liegt darin, dass beides zusammenkommen kann: eine hohe Sensitivität und gleichzeitig ein starkes Bedürfnis nach neuen oder intensiven Erfahrungen. Gerade Menschen mit dieser Kombination können sich deshalb zunächst fragen: „Wie kann ich hochsensibel sein, wenn ich doch so viel erleben möchte?“
„HSS ist dasselbe wie Hochbegabung, ADHS oder eine Scanner-Persönlichkeit.“
Nein. Diese Konzepte können sich in einzelnen Merkmalen überschneiden, sind aber nicht gleichbedeutend.
- Hochbegabung kann mit einem starken Bedürfnis nach geistiger Herausforderung verbunden sein.
- ADHS kann unter anderem mit Neuheitssuche und Schwierigkeiten bei monotonen Aufgaben einhergehen.
- Die Bezeichnung Scanner wird für Menschen mit vielen Interessen und Begabungen verwendet, ist aber kein wissenschaftlich etabliertes Persönlichkeitskonstrukt.
- High Sensation Seeking bezieht sich auf das Bedürfnis nach Stimulation, Neuheit und intensiven Erfahrungen und wird bei HSS mit hoher Sensitivität verbunden.
Gerade deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf das individuelle Zusammenspiel verschiedener Merkmale, statt Verhalten vorschnell einer einzigen Erklärung zuzuordnen.
Wichtig zu wissen
Nicht jedes Verhalten braucht sofort ein Etikett.
Wenn ein Kind ständig Neues ausprobieren möchte, kann das viele Gründe haben. Vielleicht ist es neugierig, vielleicht unterfordert, vielleicht sucht es tatsächlich stärker nach Stimulation – vielleicht treffen auch mehrere Faktoren zusammen.
Der Potenzialblick beginnt deshalb dort, wo wir hinter das sichtbare Verhalten schauen und uns fragen, welches Bedürfnis oder welche besondere Fähigkeit darin zum Ausdruck kommen könnte.
Häufige Fragen (FAQ) zum Thema High Sensation Seeking
Was ist ein High Sensation Seeker?
Ein High Sensation Seeker (HSS) ist ein Mensch, bei dem eine hohe Sensitivität mit einem ausgeprägten Bedürfnis nach neuen, abwechslungsreichen oder intensiven Erfahrungen zusammentrifft. Der Begriff wurde von Elaine Aron im Zusammenhang mit Hochsensibilität geprägt. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Sensation Seeking als Persönlichkeitsmerkmal und High Sensation Seeking als Kombination von Sensitivität und ausgeprägter Reiz- bzw. Neuheitssuche.
Kann man hochsensibel und gleichzeitig abenteuerlustig sein?
Ja. Hochsensibilität bedeutet nicht, dass ein Mensch möglichst wenig erleben oder sich von intensiven Erfahrungen fernhalten möchte. Ein hochsensibler Mensch kann Abenteuer, Reisen, neue Menschen oder intensive Erlebnisse lieben und gleichzeitig Reize besonders intensiv verarbeiten. Gerade diese Kombination kann dazu führen, dass sich ein Mensch selbst zunächst gar nicht als hochsensibel wahrnimmt.
Was ist der Unterschied zwischen Sensation Seeking und High Sensation Seeking?
Sensation Seeking ist ein wissenschaftlich untersuchtes Persönlichkeitsmerkmal, das insbesondere auf die Forschung von Marvin Zuckerman zurückgeht. Es beschreibt das Bedürfnis nach neuen, abwechslungsreichen und intensiven Erfahrungen. High Sensation Seeking (HSS) bezeichnet bei Elaine Aron die Kombination dieses Bedürfnisses mit hoher Sensitivität. Nicht jeder Mensch mit hohem Sensation Seeking ist also hochsensibel – und nicht jede hochsensible Person ist ein High Sensation Seeker.
Sind High Sensation Seeker automatisch risikofreudig?
Nein. Risikofreude kann eine Facette des Sensation Seeking sein, aber das Konstrukt umfasst auch die Suche nach Neuheit, Abwechslung, intensiven Erlebnissen und Stimulation. Ein HSS kann beispielsweise neue Länder, Themen, Menschen, kreative Erfahrungen oder geistige Herausforderungen suchen, ohne besonders risikofreudig zu sein.
Sind High Sensation Seeker immer extrovertiert?
Nein. High Sensation Seeking und Extraversion sind unterschiedliche Merkmale. Ein introvertierter HSS kann neue Erfahrungen durchaus lieben und beispielsweise gerne allein reisen, neue Themen erkunden oder intensive Aktivitäten ausprobieren. Danach kann er jedoch viel Zeit für sich benötigen. Auch extravertierte HSS können nach intensiven sozialen Erfahrungen Rückzug und Erholung brauchen.
Woran erkennt man High Sensation Seeking bei Kindern?
Bei Kindern kann sich High Sensation Seeking beispielsweise durch starke Neugier, Freude an Neuem, Begeisterung für Herausforderungen, viele Interessen und eine geringe Toleranz für Langeweile zeigen. Gleichzeitig können diese Kinder nach intensiven Erlebnissen erschöpft, gereizt oder reizempfindlich reagieren. Entscheidend ist deshalb nicht ein einzelnes Verhalten, sondern das Zusammenspiel von Reizsuche und hoher Sensitivität.
Warum erkennen sich manche hochsensible Menschen nicht als hochsensibel?
Weil Hochsensibilität häufig mit einem sehr engen Bild verbunden wird: ruhig, zurückgezogen, vorsichtig und reizarm lebend. Ein High Sensation Seeker kann dagegen aktiv, neugierig, abenteuerlustig und auf der Suche nach neuen Erfahrungen sein. Wenn gleichzeitig die intensive Wahrnehmung und Verarbeitung der Reize weniger offensichtlich ist, kommt die Person möglicherweise lange nicht auf die Idee, dass Hochsensibilität zu ihr passen könnte.
Was bedeutet „ein Fuß auf dem Gaspedal, einer auf der Bremse“ bei HSS?
Die Metapher (von Elaine Aron) beschreibt die Spannung zwischen zwei Bedürfnissen:
Das Gaspedal: „Ich möchte etwas erleben, Neues entdecken und mich herausfordern.“ Die Bremse: „Mein Körper und mein Nervensystem brauchen jetzt eine Pause.“
Gerade wenn die eigenen Erschöpfungssignale lange übergangen werden, kann der Rückzug erst dann erfolgen, wenn die Belastungsgrenze bereits überschritten ist.
Ist High Sensation Seeking dasselbe wie Hochbegabung?
Nein. High Sensation Seeking und Hochbegabung sind unterschiedliche Konzepte. Allerdings können sie sich bei einem Menschen überschneiden. Hochbegabte Menschen können beispielsweise ein starkes Bedürfnis nach geistiger Herausforderung, Komplexität und Neuheit haben. Das allein macht sie jedoch nicht zu HSS – ebenso wenig ist ein HSS automatisch hochbegabt.
Ist High Sensation Seeking dasselbe wie ADHS?
Nein. High Sensation Seeking ist kein Synonym für ADHS. Einige Verhaltensweisen können sich äußerlich ähneln, beispielsweise eine geringe Freude an Monotonie oder die Suche nach Neuem. Die zugrunde liegenden Merkmale und Erklärungsmodelle sind jedoch nicht identisch. Deshalb sollte aus einzelnen Verhaltensweisen nicht vorschnell auf HSS oder ADHS geschlossen werden.
Was ist ein hochsensibler Scanner?
Der Begriff Scanner wird vor allem auf Barbara Sher zurückgeführt und beschreibt Menschen, die sich für viele unterschiedliche Themen interessieren und sich nur ungern dauerhaft auf einen einzigen Bereich festlegen. „Scanner-Persönlichkeit“ ist kein wissenschaftlich etabliertes Persönlichkeitskonstrukt. Es gibt jedoch Überschneidungen mit HSS, beispielsweise bei Neugier, Neuheitssuche, vielen Interessen und einer geringen Freude an Monotonie.
Gibt es einen Test für High Sensation Seeking?
Ja. Elaine Aron hat einen Selbsttest für High Sensation Seeking entwickelt, mit dem sich erste Hinweise darauf gewinnen lassen, ob Merkmale von High Sensation Seeking auf die eigene Persönlichkeit zutreffen.
Auf meiner Website findest du den High-Sensation-Seeking-Test nach Elaine Aron. Er kann eine erste Orientierung geben und dazu anregen, das eigene Erleben genauer zu betrachten.
Wichtig ist dabei: Ein Selbsttest stellt keine Diagnose dar. Gerade bei High Sensation Seeking geht es nicht darum, sich anhand einer bestimmten Punktzahl eindeutig einzuordnen. Der Test kann vielmehr dabei helfen, die eigene Kombination aus Sensitivität und Bedürfnis nach neuen und intensiven Erfahrungen bewusster wahrzunehmen. Vielleicht erkennst du dich gerade deshalb in Hochsensibilität wieder, weil du bisher dachtest: „Ich kann gar nicht hochsensibel sein – ich brauche doch ständig Neues!“
Was brauchen High-Sensation-Seeking-Kinder in Kindergarten und Schule?
Sie profitieren häufig von einer Umgebung, die Anregung und Erholung miteinander verbindet.
Hilfreich können beispielsweise sein:
- abwechslungsreiche und herausfordernde Angebote
- Möglichkeiten zum Entdecken und Ausprobieren
- Wahlmöglichkeiten
- ausreichend Bewegung
- Phasen ohne zusätzliche Reize
- Rückzugsmöglichkeiten
- Unterstützung dabei, eigene Körpersignale wahrzunehmen
- eine pädagogische Haltung, die Verhalten nicht vorschnell als „unruhig“ oder „schwierig“ bewertet
Der entscheidende Punkt ist nicht, ein Kind ständig zu beschäftigen. Es geht darum, Stimulation und Verarbeitungskapazität zusammenzudenken.
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Bilderdenken – Wenn Kinder und Erwachsene in Bildern denken
Eine weitere besondere Form des Denkens und Verarbeitens
Zum Abschluss: Wenn beides zusammengehört
Vielleicht ist das Wichtigste an High Sensation Seeking gar nicht die Frage, wie viele neue Erfahrungen ein Mensch sucht. Sondern die Erkenntnis, dass Sensitivität und Neugier kein Widerspruch sein müssen.
Vielleicht bist du jemand, der viel erleben möchte, der Abenteuer liebt, sich schnell für neue Themen begeistert und immer wieder etwas Neues entdecken möchte. Und vielleicht brauchst du gleichzeitig mehr Verarbeitungszeit, mehr Rückzug und mehr Erholung, als du dir bisher zugestanden hast.
Das eine macht das andere nicht ungültig. Du musst deine Neugier nicht kleiner machen, um deine Sensitivität ernst zu nehmen.
Vielleicht geht es vielmehr darum, beides miteinander zu verbinden:
- das Gaspedal und die Bremse,
- die Entdeckungsfreude und die Regeneration,
- die Intensität des Erlebens und die Tiefe der Verarbeitung.
Genau darin kann der Potenzialblick auf High Sensation Seeking liegen.
Du möchtest Hochsensibilität besser verstehen?
Nicht jeder hochsensible Mensch wirkt ruhig, zurückhaltend oder reizarm. Gerade High Sensation Seeker zeigen, wie unterschiedlich sich Hochsensibilität ausdrücken kann.
Wenn du Menschen besser verstehen und ihre individuellen Bedürfnisse und Potenziale erkennen möchtest, findest du in meinen Fachfortbildungen und Beratungsangeboten weitere Informationen.
Über die Autorin
Tina Pichler
